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Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, ein Unterschied, der Sprengkraft hat

Mal Hand aufs Herz. Es wird viel über die Notwendigkeit von Digitalisierung im produzierenden Gewerbe gesprochen. Aber wer in Deutschland mit Produktion und Produkten des Maschinenbaus vertraut ist, der weiß, dass diese schon lange mit Computern und Software entwickelt und hergestellt werden; schon lange bevor sich jemand das Wort Digitalisierung ausdachte.

Was ist jetzt neu? Vernetzung? Nein, denn Maschinen sind bereits seit langem vernetzt, sonst könnten sie gar nicht zusammenarbeiten. Vernetzt mit dem Internet? Vielleicht, aber ob man seine Maschinen überhaupt ans Internet anbinden sollte, ist noch mal eine ganz andere Diskussion. Embedded Linux statt Windows-PC oder Web-Technologie statt lokaler Anwendung? Touché. Aber es bleibt ja trotzdem Server-Client Software. Vielleicht Roboter und Automatisierung? Eher nicht, die gibt es auch schon lange.

Und doch, wenn man sich eine fast menschenleere, robotergesteuerte Fertigung anschaut, dann wird einem klar, dass es bei Digitalisierung um etwas anderes geht.

Es geht nicht um den Einsatz von digitaler Technik oder deren genaue Beschaffenheit, sondern um die persönliche Einstellung zu dieser. Digitalisierung ist gleichzusetzen mit einem Mindset: Neue digitale Technik benutzen ist super – ganz generell.

Im Gegensatz dazu ist man Digitalisierungsmuffel, wenn man digitale Technik einfach irgendwie nicht gut findet – ganz prinzipiell.

Das Credo lautet: Wenn das Management nun dafür sorgen könnte, dass alle Mitarbeiter digitale Technik prinzipiell toll finden und gar nicht warten können, mit ihr spielerisch zu experimentieren und sie einzusetzen, dann würde sich alles automatisch zum Guten richten. Viele Berater sehen darin ein Geschäft. Doch wie valide ist dieses Gedankenkonstrukt überhaupt?

Man sollte es einmal vom Menschen her denken.

Menschen haben sich biologisch seit tausenden Jahren nicht mehr weiterentwickelt. Nur Technik und Kultur bringen Fortschritt. Aber warum finden es so viele unattraktiv, sich mit neuen Technologien und Kulturwandel zu beschäftigen? Warum springt dann nicht jeder sofort auf den Digitalisierungszug auf?

Es gibt eine gewisse Gewöhnung an Software, hervorgerufen durch E-Mails, Excel-Dateien, Powerpoints und SAP Oberflächen. Digitale Technik wird hier nicht als etwas tolles Neues empfunden, sondern als etwas Altes, Bewährtes und Langweiliges – die Bedienung von Software als wiederkehrende Arbeit, die zuweilen sehr stressig sein kann, ganz unbenommen davon, dass Industrie Software vielleicht auch vom Look&Feel häufig etwas angestaubt wirkt.

Wenn das Management und die Mitarbeiter von Fortschritt träumen, träumen sie von verschiedenen Dingen.

Man muss sich mal in die Zeit der Einführung von Automatisierungstechnik versetzen, als clever konstruierte Maschinen in der Fabrik aufgestellt wurden und harte, körperliche Arbeit über Nacht einfach abgeschafft wurde. Das war toll. Das war ein Sprung.

Genauso warten die Menschen heute darauf, dass ihrem harten digitalen Arbeitsalltag genauso einem Sprung widerfahren wird. Zumindest warten sie nicht auf noch mehr von dem, was sie schon kennen, auch nicht auf das gleiche in moderner, sondern auf einen Fortschritt, der wie damals eine komplette Abschaffung und Entbindung des Menschen von dieser Arbeit bewirkt.

Es wird keine bessere Software oder Hardware erträumt und auch keine Vernetzung, keine Cloud und kein agiles Arbeiten. Es geht nicht darum, immer noch mehr Software zu bedienen, sondern um weniger Software, zumindest weniger Software, die von Menschen bedient werden muss. Die Arbeitnehmer träumen eigentlich von Künstlicher Intelligenz. Denn nur diese kann die Abschaffung ihrer digitalen Arbeit bewirken. Die Menschen wollen „out of the loop“ sein. Sie stecken bereits tief in einem IT-Loop, in dem sie häufig rein funktional als kleines Rädchen eingebunden sind, ohne das ganz überblicken zu können.

Die Arbeitnehmer träumen dabei nicht von der Abschaffung ihres Status, den ihnen die Arbeit und die Benutzung der Software verleiht, sondern von der Abschaffung ihrer gewohnheitsmäßig wiederkehrenden Arbeitstätigkeit. Mit weniger Aufwand zum gleichen Ergebnis zu kommen, ist bekanntlich ein wesentliches Merkmal von Intelligenz. Ganz intuitiv wird dieser Zustand angestrebt. „Ein Kick, und es ist gemacht“ ist hier die Vorstellung von einer ultimativen Software, die mit diesem einem Klick das gleiche erledigt, wie sonst manuell an einem ganzen Arbeitstag. Eine solche Software wird als KI-System bezeichnet. Auf dem Weg zu dieser Entwicklung gibt es intelligente Assistenz-Systeme, die zumindest einen großen Teil der wiederkehrenden Arbeit automatisieren können.

Dem Management fehlen zurzeit allerdings häufig die Möglichkeiten zur Einführung einer solchen KI-Lösung oder diese erfüllte bisher noch nicht die Erwartungen. Also träumen sie zurzeit lieber von noch härter arbeitenden und noch cleverer agierenden Angestellten und überlegen sich, wie sie ihnen mehr Liebe zu digitalen Technologien vermitteln können.

Es gibt hier also einen fundamentalen Unterschied, der dafür sorgt, dass Künstliche Intelligenz nicht Teil von Digitalisierung ist. Wer Digitalisierung sagt, der will, dass Mitarbeiter mehr Software benutzen, um noch produktiver zu sein. Wer Künstliche Intelligenz sagt, der will, dass gar keiner mehr Software bedienen muss.

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